Bedachtsamkeit ist ein rares Gut

„Gelassenheit ist die angenehmste Form des Selbstbewusstseins“ – wusste schon Marie von Ebner-Eschenbach. Bedachtsamkeit ist ein rares Gut geworden. Und doch macht gerade innere Ruhe und Achtsamkeit den Unterschied im Umgang mit dem täglichem Druck und Krisen in einer immer instabiler werdenden Arbeitswelt.

Telefonieren, tippen, Termine checken, alles während eines Meetings und am besten noch gleichzeitig. Geschwindigkeit ist das Gebot der Stunde – wir leben auf der Überholspur. Wir werden täglich mit Millionen Eindrücken überflutet, die kaum mehr zu bewältigen sind. Selbst im Schlaf finden wir keine Ruhe, unser Gehirn muss die Informationen des Tages verarbeiten. Gleichzeitig möblieren wir unser Leben mit Geräten und Instrumenten, die dem Kult der Beschleunigung huldigen – und bringen mit den Zeitsparversprechen diverser Gadgets auch gleich die Zeitnot mit ins Haus.

Wie beschäftigt sind wir doch alle, unser Lebenstempo, die Hast, den Zeitdruck täglich noch ein Stück mehr zu steigern. Wir wollen überall erreichbar sein – oder „müssen“ es gar, sind immerzu auf dem Sprung. Ununterbrochen setzen wir uns einem extrem hohen Aufmerksamkeits- und Stressniveau aus. Zunehmende Mobilität, die unglaubliche Zunahme der Beschleunigung testet unsere Belastbarkeitsgrenzen in einem Maß aus, das sich bis vor kurzem noch niemand vorstellen konnte.

Wie aber können wir trotz vorherrschender Aufgeregtheit und umtriebigem Aktionismus in unseren Umfeld (und in uns) weiterhin die geforderten hervorragenden Leistungen bringen? Wie schaffen wir es, uns bei all dem nicht noch mehr auszubeuten und selbst lahmzulegen.

„Angesichts der Kürze unseres Lebens ist es mehr als verwunderlich, dass wir uns nicht mehr Zeit zum Leben nehmen.“

Stress hat man nicht – Stress macht man sich. Und zwar aus dem dubiosen Empfinden heraus, nicht genügend Zeit zu haben, in Selbstzweifel zu verfallen oder ängstliche Fantasien aufzubauen, die uns blockieren. Mit wachsender Beanspruchung ist es unabdingbar, genau darauf zu achten, welche Form der „Selbstgespräche“ wir täglich führen, welche Vorstellungen wir entwickeln, und wie groß der Glaube an die eigene Bewältigungsfähigkeit ist. Denn davon wird die Konzentration auf unser gegenwärtiges Handeln, auf das Hier und Jetzt wesentlich beeinflusst und wirkt stabilisierend – oder destabilisierend auf unser Tun und unsere Entscheidungen.

Was tust du eigentlich, um dich zu entspannen, fragt der Schüler seinen Meister. „Nichts“, so der Meister. Wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich esse, esse ich und wenn ich schlafe, schlafe ich.“ Aber das tun doch alle, sagt der Schüler darauf. Eben nicht, so die Antwort des Meisters.

Warum gestatten wir uns nicht, den Mut zu fassen, aus der Komfortzone des gewohnten Seelenzustandes auszubrechen und in die Abenteuerzone der wahren Entspannung und Achtsamkeit vorzudringen?

Bringen wir mehr Ruhe in unsere Aktivitäten, statt alle Aktivitäten ruhen zu lassen.
Sie wollen einmal so richtig relaxen, um dann Ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern: Dann sollten Sie Ihre Zeit möglichst sinnvoll, intensiv und ent-schleunigt nutzen: unser Zeitempfinden verlangsamt sich, wenn wir mit Hingabe kreativ sind oder Sport treiben. Unsere Psyche dankt es uns, wenn wir uns Herausforderungen stellen, bei denen jene Teile unserer Persönlichkeit zu ihrem Recht kommen, die im Alltag vernachlässig werden: Lebensfreude, Kreativität, Abenteuerlust, Mut zum Gefühl und zum eigenen Denken. Nehmen Sie weder Pflichten noch Sachzwänge noch Ängste und schon gar nicht das Wetter zum Vorwand für Unbeweglichkeit. Wärme und Licht sind vor allem innere Qualitäten.

Den Anforderungsmarathon durchhalten? Keine Leistung ohne Pause!
Wussten Sie, dass nach 90 Minuten Schluss mit voller Leistungsfähigkeit, wenn Sie sich nicht 15 Minuten Pause gönnen. Unser innerer Rhythmus lässt nicht mehr zu. Lernen Sie, das zu respektieren. Jeder Spitzensportler wird Ihnen bestätigen, dass es ohne Trainingspausen keine Höchstleistung gibt.

Pausen sind auch Abstandhalter zwischen dem was war und dem, was kommt. Nur so gewinnen wir wieder Orientierung und Struktur (Pause bedeutet jedoch nicht, zwischen Meetings mal schnell Emails zu checken).

Gerade neue Arbeitszeitmodelle mit unstrukturierten Arbeitszeiten verlangen, das Pausen gezielt eingeplant werden. Je selbständiger jemand arbeitet, umso mehr sollte er auf ausreichende bewusste Erholung achten. Eine Pause ist ein Meeting mit sich selbst!

Wenn Du es eilig hast, gehe langsam
Das Schnelle ist nicht immer besser als das Langsame. Auch durch Nichtstun kommt man manchmal weiter. Gewinnen Sie inneren Abstand zu den Problemen, die gelöst werden wollen. Einmal drüber schlafen und nicht ständig „so heiß essen, wie gekocht wird“. Verschieben Sie ruhig ab und zu etwas auf morgen. Denn ohne gründliches Nachdenken erschließen sich Tatsachen nicht – und so fehlt oft die richtige Entscheidungsgrundlage.

Warten Sie ab.
Nur wer warten kann, kann auch etwas erwarten. Warten ist keine verlorene Zeit. Wie wollen Sie sonst den richtigen Augenblick erwischen? Ein kurzer Tagtraum bringt Ruhe und lässt sich gut im Warte-Raum erledigen.

Langeweile vertreiben? Besser nicht!
Langeweile will gelernt und geübt sein –und ist der erste Schritt zur Muße. Halten Sie die „inaktive“ Phase aus. Schauen Sie aus dem Fenster, starren Sie an die Wand oder Löcher in die Luft – die neuronalen Netze Ihres Gehirns danken es Ihnen.

Managen Sie ihre Zeit nicht zu sehr.
Vom Zeitdruck wird man auch durch das beste Zeitmanagement nicht entlastet. Je mehr Sie ihre Zeit kleinteilig verplanen, umso größer wird Ihr Druck. Und wie viel Zeit brauchen Sie erst, um Ihre Zeit zu organisieren! Daher: Organisieren Sie Ihre Woche nach dem Muster eines Schweizer Käses: Feste Planung, feste Zeiten und soviel Freiraum und Zeitoasen wie nötig!

Finden Sie einen Rhythmus!
Rhythmen sparen Aufwand und Energie und entlasten von der Tyrannei des permanenten Entscheidungsstresses. Versuchen Sie, Ihren Tages- und Wochenverlauf durch bestimmte Wiederholungen zu stabilisieren. Nehmen Sie Mahlzeiten regelmäßig ein, planen Sie fixe Auszeit für Sport, gehen Sie privaten Interessen nach (und sei es auch nur ein fix eingeplanter Termin mit Ihrem Personal Coach…)

Genug – Jetzt!
Wir müssen wieder lernen, ein Bewusstsein für das „Genug“ zu schaffen und lernen, unserem unmittelbaren körperlichen Gefühl – unserer Körperintelligenz – zu vertrauen. Unser Körper vergisst nichts und präsentiert uns die Rechnung, wenn wir Pausen und Auszeiten missachten.

Runter-vom-Gas!
Erfolg steht auf zwei Füßen: Können und Verhalten. Innere Unrast erhöht die Wahrscheinlichkeit häufiger Unzufriedenheit, schlechter Laune und führt zu Destabilisierung. Das ist besonders bei Führungskräften kritisch. Unbedacht wird der Zeitdruck weitergegeben. Durch diesen Multiplizierungseffekt kann niemand in Ruhe arbeiten. Hektik und Sprunghaftigkeit, gepaart mit Aktionismus machen am Ende alle verrückt. Verwechseln Sie Führung nicht mit Antreiben – Leistung kann nicht erzwungen werden!

Wollen Sie kreative und innovative Mitarbeiter, die beeindruckende Lösungen finden – dann hören Sie auf (sich und den anderen) ständig Tempo zu machen! Unter Druck kann unser Gehirn nur auf konventionelle, altbewährte Handlungsmuster zurückgreifen. Und damit lassen sich aktuelle Herausforderungen selten lösen.

Reflektieren Sie
Setzen Sie ein, was Sie können und was Ihnen zur Verfügung steht.
Hören Sie auf, ständig darüber nachzugrübeln, woran es mangelt, wo ihre vermeintlichen Schwächen liegen und wie unvollkommen ihr Leben oder gar Sie selbst sind. Fragen Sie sich regelmäßig: Wie achtsam gehe ich mit mir selbst, mit den eigenen Kräften um?

Stabile, zuversichtliche aus innerer Ruhe kommende Leistungsfähigkeit braucht die Überzeugung von der Wirksamkeit des eigenen Handelns und die selbstbewusste Besinnung auf die eigenen Stärken.

Alles schön und gut – aber das schaff ich ja doch nie …
Um ein paar einfache – aber grundlegende und oftmals schon überlebensnotwendige Änderungen umzusetzen, hilft eine klare Selbstvereinbarung gegenüber dem Leben, den anderen und sich selbst:

„Ich bin für das, was ist, verantwortlich und jetzt ändere ich es so gut ich kann, nach meinen Vorstellungen. Dabei hilft mir der Vorsatz: die Situation ist mein Coach und ich will und kann mich entwickeln und meine Lebensqualität verbessern. Mein Verhalten verbessere ich täglich auf ein Ziel hin – unabhängig davon, ob die Situationen aus meiner Sicht manchmal günstig oder ungünstig sind. Ich selbst bin verantwortlich für mein Tun und Erleben.“

Von |2018-11-18T01:32:19+00:0018. November 2018|