Managerinnen finden andere Werte wichtig als ihre männlichen Kollegen

Die Erlebnisse aus der Wirtschafts- und Finanzkrise scheinen deutsche Manager nachhaltig darin zu beeinflussen, welche ethischen Werte ihnen im Geschäftsleben als Kompass dienen. Das lässt sich aus einer gemeinsam von Handelsblatt und der Wertekommission durchgeführten Führungskräfte-Befragung entnehmen. Die Wertekommission ist eine Vereinigung von rund 1.500 Managern, die sich für ethisches Handeln im Wirtschaftsleben einsetzt.

Rangierte 2006 bei der ersten der jährlichen Befragungen noch  „Verantwortung“ an erster Stelle, übernahm bereits  2010 „Vertrauen“  die Spitzenposition. In diesem Jahr nun verlor „Verantwortung“ erneut an Bedeutung: Die rund 230 befragten Führungskräfte wählten zum ersten Mal „Integrität“ auf Platz zwei und verwiesen „Verantwortung“ auf den dritten Platz. Im Zuge der Rettungsaktionen diverser Staaten und internationaler Institutionen ist offenbar das Bewusstsein gewachsen, dass die eigene Verantwortung als Führungskraft deutlich eher an systemische Grenzen stößt, als dieses noch vor sechs Jahren erkannt worden ist. Zu Beginn der Langzeit-Betrachtung lag „Integrität“  nur auf Platz vier. Auf den aktuellen Plätzen vier bis sechs rangieren  „Respekt“, „Nachhaltigkeit“ und „Mut“. Insgesamt gelten diese sechs Werte als moderne Interpretation der früheren Kardinal-Tugenden.

Wie es dazu kommt, dass „Integrität“ „Verantwortung“ inzwischen überholt hat, versucht der Vorstandsvorsitzende der Wertekommission, Sven Korndörffer, zu erklären: „Da, wo einzelne Führungskräfte jederzeit damit rechnen müssen, dass sich die makroökonomischen Bedingungen nachhaltig verändern,  ohne dass sie Einfluss darauf nehmen können, schärft sich der Blick auf das eigene Verhalten.“

Und Michael Ilgner, Chef der Stiftung Deutsche Sporthilfe – einer der Manager, die sich der Wertekommission angeschlossen haben -, erläutert, warum er sich persönlich speziell für mehr Integrität stark macht: „Integrität ist die entscheidende Basis im Sport wie im Leben. Es geht um Glaubwürdigkeit.”  Dafür hält er auch seinen Kopf in der aktuellen Werbekampagne der Wertekommission hin.

Integres Verhalten wird wichtiger, je höher man aufsteigt

Offenbar steigt die Bedeutung, die dem Wert „Integrität“ beigemessen wird, mit der Managementposition: Während im unteren Management lediglich zwei Drittel aller Beteiligten den Wert als hoch einschätzen, sind es im Top-Management bereits mehr als 80 Prozent. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die Relevanz des Wertes Integrität in der Wahrnehmung beziehungsweise der Erfahrung der Manager im Verlauf der Karriere zunimmt oder integrem Verhalten gar eine karrierefördernde Bedeutung zugeschrieben wird.

Im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um Frauenquoten für Führungspositionen in Unternehmen ist es interessant zu betrachten, ob Managerinnen beim Thema Werte andere Prioritäten setzen als ihre männlichen Kollegen. Erstmals wurden deshalb die Angaben von weiblichen und männlichen Managern separat ausgewertet. Dabei fällt auf, dass Frauen dem Wert „Respekt“ wider Erwarten keine besonders große Bedeutung zuordnen. Im Gegenteil:

Auffällig ist, dass männliche Führungskräfte diesen Wert höher bewerten als Frauen. Zumindest betonen Männer mit 62 Prozent (sehr hohe Einschätzung) diesen Wert viel stärker als Frauen mit weniger als 50 Prozent. Auch beim Wert Nachhaltigkeit gibt es einen signifikanten Unterschied: Im Geschlechtervergleich sehen nur 25 Prozent aller Frauen, aber 35 Prozent der Männer die Bedeutung des Wertes Nachhaltigkeit als sehr hoch an. Schließlich wird auch noch  integres Verhalten von Männern zu ca. zehn Prozent häufiger eingefordert.

„Diese überraschenden Erkenntnisse lassen die Vermutung zu, dass Frauen sich bereits stark nach diesen Werten richten und entsprechend handeln und sie daher nicht mehr extra betonen“, sagt Studienleiter Kai Hattendorf. Männliche Lippenbekenntnisse und weibliches Understatement also? Hattendorf  will in der nächsten Befragungsrunde versuchen, den Ursachen für die Geschlechter-Differenzen weiter auf den Grund zu gehen.

Quelle:  http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/strategie/umfrage-managerinnen-finden-andere-werte-wichtig-als-ihre-maennlichen-kollegen/8264692.html
 
Männliche Lippenbekenntnisse – weibliches Understatement?
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